Sonntag

Energie liegt in der Luft. Gerade hat es gewittert und milder Sommerregen floss literweise die Fenster hinunter. Ich mag den Geruch des Wassers auf dem Asphalt und das Geräusch, wenn ein Autoreifen durch einen See aus Regen gefahren wird. Heute Nachmittag war es so heiß und schwühl und Sonntag. Ich hasse Sonntage, sie sind so klebrig wie ein zertretenes Nimm2. Ich glaube, Sonntage sind nicht dafür gemacht, dass ich an ihnen existiere. Samstagnachts schläft meine Psyche ein und wacht am Montag in aller Früh wieder auf. Das halbwegs neutrale Gefühl von Unwirklichkeit wird sonntags dann durch Hausaufgaben oder Sex oder beides für ein paar Momente aus der Realität verbannt. Es quält mich zwar kaum, aber wirklich willkommen ist es auch nicht. Gegenwehr ist allerdings zwecklos.

Heute Nachmittag, als es noch so unerträglich tropisch war, lag ich wie tot auf dem Bett, schläfrig, psychisch zurückgezogen wie die Raupe in ihrem Kokon. Ich habe ihn angesehen, wie er da lag, mit diesem hässlich bunten Tuch um die Hüften und kleinen Schweißtropfen unter dem zerzausten Haaren auf seiner Stirn. Er wirkte so fremd. Ich weiß auswendig, wie er riecht, schmeckt, weiß, welches Deo er benutzt und welche seiner Ängste am größten sind. Ich weiß so viel, mehr als alle anderen vermutlich – und eigentlich doch auch so schrecklich gar nichts. Wenn es einen Sinn hätte, würde ich alle Fragen fragen, die meine Lippen sprechen könnten, aber Millionen von ihnen würden mich ihm nicht näher bringen. Da ist irgendwo eine Grenze. Er ist er und ich bin ich, auch wenn wir manchmal zu gerne nur ein Wir wären. Ich kann ihn niemals ganz verstehen, ich darf es nicht.

Seitdem ich in das erste Mal gesehen habe, verschmolz meine Psyche mit seiner und er war von Anfang an wie jemand, den ich schon immer gekannt habe. Diese Vertrautheit war unheimlich, ist aber immer noch unheimlich schön. Nur manchmal, da vergesse ich, dass er immer noch er ist, mein Mann zwar, aber immer noch zu einem kleinen Teil ein Fremder, der seine eigene Welt in den Händen hält. Und wenn ich mich daran erinnere - meistens ist es dann Sonntag - dann will ich nicht, dass er jemals geht.

10.6.07 22:49
 


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